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Roger Federer greift nach wichtigstem Rekord
Roger Federer greift nach wichtigstem Rekord
Roger Federer.

Roger Federer scheint bereit für einen sechsten Wimbledonsieg und seinen wichtigsten Rekord. Mit grandiosem Tennis besiegte der Basler im Wimbledon-Halbfinal Tommy Haas 7:6 (7:3), 7:5, 6:3.

Genau vier Wochen nachdem er in Roland-Garros seine Grand-Slam-Kollektion komplettiert hat, greift Roger Federer bereits nach dem nächsten Rekord, dem wichtigsten im Tennissport zudem. Nur Andy Roddick kann Federer den 15. Grand-Slam-Titel noch streitig machen. 15 Majorturniere gewann im Tennissport noch kein Mann; Federer und Pete Sampras teilen sich derzeit die Bestmarke mit 14 Triumphen.

Federers Chancen für Sonntag stehen ausgezeichnet, nicht nur weil er gegen Finalgegner Andy Roddick 18 von 20 Partien gewonnen hat. Der Basler spielte im Halbfinal gegen Tommy Haas grandios. Gleich den ersten Matchball verwertete Federer nach zwei Stunden und zwei Minuten mit einem eingesprungenen Smash à la Pete Sampras. "Ein Matchball, wie man ihn sich wünscht", meinte Federer. Der letzte Ballwechsel bildete das perfekte Ende einer souveränen, starken Leistung. Der Sieg des Schweizers entsprach dem Spielverlauf. Federer dominierte die Begegnung von A bis Z, auch wenn ihm das erste Break erst nach anderthalb Stunden gelang.


Aufschlag in alter Stärke

Breaks schaffte Federer erst, als sich die Sonne zeigte. Während der ersten 80 Spielminuten war -- völlig untypisch für Wimbledon 2009 -- der Himmel bedeckt. Als die Sonne die teils dunklen Wolken endlich verdrängen konnte, ging bei Federer die Post ab. Innerhalb einer halben Stunde schaffte der Schweizer die zwei entscheidenden (weil einzigen) Breaks: das erste zum 7:5 im zweiten Satz, das zweite zum 5:3 im dritten.

Beim ersten Break unterliefen Haas, der letztmals vor siebeneinhalb Jahren gegen Federer hatte gewinnen können, nach einer 30:15-Führung drei vermeidbare Fehler. Im dritten Satz leistete sich Haas bei 3:4 einen Fussfehler (zum 15:30), anschliessend profitierte Federer zweimal von Netzrollern. Den fünften Breakball nützte Federer zur Vorentscheidung. "Federer nützte seine Chancen", so Haas, "ich spielte gut, aber eben nicht gut genug."

Vor allem bei Federers Aufschlag blieb Haas chancenlos -- obwohl Federer "nur" 11 Asse und 16 Servicewinner gelangen. Vom 2:3/15:30 bis zum 7:6, 3:2 gewann Federer bei eigenem Aufschlag von 33 Punkten deren 31. In den Sätzen 2 und 3 holte Haas gegen Federers Aufschlag bloss 5 Punkte. Noch im Frühling erachtete Federer bei den Niederlagen gegen seine stärksten Rivalen den Aufschlag als grösstes Problem. Mittlerweile fand der Schweizer beim Aufschlag zu alter Stärke zurück, "ich serviere sogar noch härter und schneller als früher".


18:2 gegen Roddick

Am Sonntag bestreitet Federer den siebenten Wimbledonfinal hintereinander -- das gelang niemandem mehr seit 1922, als der Titelhalter für den Final im nächsten Jahr noch gesetzt war. In sieben Halbfinals in Wimbledon gab der Schweizer noch keinen Satz ab. Wird er nervös sein, wenn es gegen Roddick um den 15. Grand-Slam-Titel geht? Federer: "Ich rechne nicht damit, dass ich übermässig angespannt sein werde. Ich kann locker aufspielen -- seit dem Turniersieg in Paris sowieso. Der Triumph in Paris (vor vier Wochen) und der fünfte Sieg in Serie in Wimbledon (vor zwei Jahren) waren mir extrem wichtig. Die Erfahrung, es schon zweimal geschafft zu haben, wird mir helfen."

Aber Federer weiss auch, dass alles zuerst gespielt werden muss. Gegen Roddick steigt er als haushoher Favorit in den Final. Federer: "Ich weiss aber nicht, ob mir die ausgezeichnete Bilanz gegen Roddick (18:2) helfen wird. Die Partie beginnt bei 0:0 -- und dann wird sie durch die Rackets entschieden."

Dem Schweizer bietet sich aber die Chance, wie schon in Paris einen Titel einzuheimsen, ohne dass er auf einen seiner Hauptrivalen (Nadal, Murray, Djokovic) getroffen wäre. Andy Roddick räumte am Freitagabend Andy Murray aus dem Weg. Der Amerikaner, der schon zwei Wimbledonfinals gegen Federer verloren hat (2004 und 2005), setzte den Publikumsliebling mit dem Aufschlag unter Druck und punktete erstaunlich regelmässig am Netz. Roddick gewann in 3:07 Stunden 6:4, 4:6, 7:6 (9:7), 7:6 (7:5).


Roddicks "Comeback"

"Mir gelang eines meiner allerbesten Spiele", meinte Roddick hinterher, "ich spielte so gut ich nur kann und war ganz knapp der bessere." Die Vorentscheidung fiel im Tiebreak des dritten Satzes, in dem Murray bei 6:5 einen Satzball besass, aber noch 7:9 unterlag.

Die Finalqualifikation in Wimbledon krönt bislang Roddicks "Comeback", der seit der Verpflichtung von Trainer Larry Stefanki von ausserhalb der Top Ten wieder zu einem seriösen Herausforderer für Federer und Konsorten aufgestiegen ist. Vor exakt einem Jahr, nach einer Zweitrunden-Niederlage in Wimbledon, war Roddick an einem Tiefpunkt angelangt. "Damals stellte ich mir sogar ernsthaft die Frage, ob die Fortsetzung meiner Karriere noch Sinn macht."

Glaubt Roddick an seine Chance gegen Federer? Roddick: "Natürlich! Roger ist im Moment wieder das Mass aller Dinge. Aber schon in den letzten Spielen hatte ich gegen Federer das Gefühl, gut zu spielen und meine Chancen zu haben. Wenn ich sehr gut aufschlage und so gut spiele wie gegen Murray, sehe ich sicher auch gegen Federer nicht steinalt aus."

von Rolf Bichsel, London

 
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